"Wir haben hier ein extrem geiles Lebensmittel."

Er ist der Hardcore-Punker unter den Event-Köchen, zaubert Wallerfilets und Essigessenzen und vermarktet seine Feinkostprodukte mit dem Motto „Straight-Edge“: ehrlich, geradeaus, ohne Firlefanz. Wir haben den Jäger und Falkner Torsten Pistol, aka. „Pistole“, interviewt. Thema? - Wildbret! Hardcore!

Klare Kante auch für Wildbret: Torsten Pistol (Quelle: Wunderlich/DJV)
Klare Kante auch für Wildbret: Torsten Pistol (Quelle: Wunderlich/DJV)

Wild-auf-Wild: “Salad Days”, Pistole. Heute schon gehabt?

Pistole: Klar. Laut. 2:46 Minuten lang. Hardcore! „Salad Days“ ist einer der Songs von der Hardcore-Kultband „Minor Threat“, die Begründer von Straight-Edge.

Wild-auf-Wild: Straight-Edge bedeutet „gerade Kante“, keine Drogen und ist damals zur eigenständigen Bewegung innerhalb der Punk-Szene geworden …

Pistole: … genau: geradeaus, ehrlich.

Wild-auf-Wild: Mittlerweile geht Straight-Edge aber auch weiter. Keinen Alkohol, keine Zigaretten und nun auch: eine vegane Lebensweise. Wie lässt sich das für einen Jäger und Falkner vereinbaren?

Pistole: Zu Beginn war „Straight-Edge“ tatsächlich nur der Pistole LogoVerzicht auf Drogen und Alkohol - doch er entwickelt sich stetig weiter und es gibt viele Varianten ihn zu leben. Jeder definiert diese Bewegung für sich ganz persönlich. Meine Definition ist: Liebe dein Essen! Hab‘ Respekt davor! Und achte auf dich und die Herkunft deiner Lebensmittel! Deswegen das X des Straight-Edge in meinem Logo.

Wild-auf-Wild: Wer steht hinter Pistole-Hardcore-Food?

Pistole: Ich heiße Torsten Pistol, bin 38 Jahre, verheiratet und habe drei Kinder. Von Kindesbeinen an genannt: Pistole. Hardcore-Fan, leidenschaftlicher Falkner und - das hört sich jetzt irgendwie schräg an - „Feinkosthändler“. (lacht) Eigentlich handle ich Lebensmittel. Lebensmittel mit einer Geschichte. Man kann sagen: Ich handle eine essbare Lebenseinstellung.

Wild-auf-Wild: Essbare Lebenseinstellung heißt was?

Pistole: (lacht) Da muss ich ein wenig ausholen. Ursprünglich war ich mal Krankenpfleger. Über einen Ferienjob bin ich zum professionellen Fischzüchter geworden. Dort habe ich gelernt, was gute, solide, ehrliche Lebensmittel ausmacht: nämlich Arbeit. Und Liebe. Viel Liebe zum Ergebnis.

Wild-auf-Wild: Zu einem Produkt, das lange Zeit sogar unter Anglern und Gastronomen als ungenießbar verschrien war: der Wels oder auch Waller genannt.

Pistole: Produkt? Ein Lebensmittel kann niemals Produkt sein! Bei dem Begriff fehlt mir persönlich die Wertschätzung für den Ursprung. Ganz egal, ob es um meine Waller - heute einer meiner Renner in der Sterneküche - oder meine Essige geht. Thomas Imbusch (Chefkoch in Tim Mälzers Off Club) hat damals den Stein ins Rollen gebracht. Mälzer schob mit an, in Salzburg gesellten sich weitere Spitzenköche dazu, darunter auch Joachim Kaiser und Stefan Marquardt. Sie alle waren von meinem Waller begeistert. Und sie alle waren sich sicher, dass auf mich und meinen Fisch noch Einiges wartet.

Wild-auf-Wild: Wie ist es für dich gelaufen?

Pistole: Heute arbeite ich mit den besten Köchen Deutschlands zusammen – und bringe ihnen nicht mehr nur Wallerfilet und -leber, sondern auch andere Feinkost. Ohne viel Firlefanz. Ich stehe zu meinen Babys. Sonst wären es nicht meine Babys. Hardcore. Straight Edge. „Gerade Kante“ eben.

Wild-auf-Wild: Welchen Stellenwert hat da für dich Jagd?

Pistole mit HabichtPistole: Ich bin Falkner, ich gehe mit meinem Habicht „Tussi“ und meinem Hund „Emma“ jagen. Geht’s denn ehrlicher, als mit dem selber gebeizten Hasen im Kochtopf? Es braucht viel Liebe um Vogel, Hund und Mensch zu einer Einheit zu machen. Wenn dann am Ende etwas Essbares dabei herum kommt - wunderbar! Was willst Du mehr? Das passiert zighundertfach jeden Tag in der Natur - nur mit dem Unterschied, dass ich dabei bin und wir am Ende teilen. Näher an dem, was ich esse, geht nicht. Ich trink‘ auch mal eine Cola. Oder geh‘ ein Stück Fleisch beim Metzger kaufen. Aber wenn es geht, versuchen meine Familie und ich ganz bewusst zu leben und zu essen.

Wild-auf-Wild: Da ist sie wieder: die Arbeit.

Pistole: Natürlich. Es ist Arbeit. „Straight Edge“ ist nicht „convenient“. Wir haben einen Gemüsegarten, in dem Vieles von dem wächst, was wir zum täglichen Leben brauchen. Wir kochen und frieren ein, was wir im Überfluss haben. Wir haben eigene Hühner, eigene Bienenvölker. Aber allem - von der Karotte bis zum Kaninchen – bringen wir Achtung entgegen und genießen es dann auch mit gebührender Wertschätzung. Wir sind keine Selbstversorger, aber wir versuchen auch bei dem was wir kaufen darauf zu achten, wo es herkommt. Wertschätzung und Achtung in allen Dingen – das ist der Punkt. Das ist Wild. Das ist geradeaus. Und ehrlich.

Wild-auf-Wild: Jagd, Öffentlichkeit und der Kochtopf. Wie siehst Du das?

Pistole: Lass uns einfach ehrlich sein! Wir haben hier ein extrem geiles Lebensmittel. Nicht von der Stange und nicht immer greifbar. Aber: von höchster Qualität. Wir kümmern uns. Wir gestalten. Wir ernten. Saisonal. Damit können wir auf jeden Fall Ersatz für Nullachtfünfzehn bieten. Also: tun. Lasst uns alle die Geschichte dazu erzählen. Jagen und gemeinsam essen. Der Rest ergibt sich von alleine. Dazu braucht es Menschen. Menschen, die mit der Jagd erst einmal nichts zu tun haben. Und die sich dann hinreißen lassen. Ich habe noch keinen erlebt, der wiederstehen konnte.

Wild-auf-Wild: Wie würdest du das machen?

Pistole: Man braucht die richtigen fünf Adressen. Menschen, die erst einmal interessiert an gutem Essen, guten Lebensmitteln sind und sich für die Story „dahinter“ begeistern können. Lass es die machen. Man braucht gute Koch-Events.

Wild-auf-Wild: Und jetzt?

Pistole: Irgendwo läuft „Agnostic Front“. Lass‘ uns in ‚nen Club gehen.

Wild-auf-Wild: Sind dabei.